Jens Döbel hat vor zwei Jahren ein Zeichen gesetzt: Mit einem selbstgebauten Galgen, den er auf einer Montagsdemonstration in Dresden offen zur Schau stellte, kam er weltweit in die Schlagzeilen. Aber es gibt eine Geschichte vor und eine Geschichte nach dem Galgen.

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Viele Bilder wurden von den Pegida-Demonstrationen in den Medien gezeigt. Besonders an eines werden sich wohl viele erinnern: An einem Galgen hingen zwei Schlingen. Mit den Aufschriften “Reserviert – Sigmar ‘Das Pack’ Gabriel” und für “Angela ‘Mutti’ Merkel”. Weltweit war das Bild in den Medien. Später, so erinnert sich Döbel, habe er sogar Anrufe aus Thailand und Russland bekommen. Und auch an den Tag erinnert sich Jens Döbel genau.

Es war an einem Montag im Oktober 2015. Der Schwarzenberger Unternehmer fuhr nach Dresden – zur Montagsdemo. Dabei hatte er eine auffällige Holzkonstruktion: Den Galgen. Mit ihm stellte er sich mitten in die Masse der Pegida-Demonstranten, trug seine Meinung offen zur Schau. Er nannte es Satire, viele sahen es als Aufruf zum Mord. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen ihn, das Verfahren wurde im März 2017 eingestellt. Die Frage, die sich stellt: Was führte dazu? Jens Döbel, aus dem Schwarzenberger Ortsteil Bermsgrün, kann diese Frage mit einem Wort beantworten: “Wut.” Und dann erzählt der 41-Jährige.

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“Ich wollte die hier herholen” 

Vor über zwölf Jahren hat er auf einer Geschäftsreise in die Ukraine seine Frau Oksana kennen- und lieben gelernt. Diese stammte aus dem Donbass (heutige Kriegsregion). Während Döbels Frau nach der Hochzeit nach Deutschland zog, musste die Familie von Oksana weiter in der Ukraine bleiben. “Wir haben dort die letzten zehn Jahre richtig viel investiert”, erzählt Jens Döbel. “Zeit, Geld und Kraft, damit die ein schönes Leben führen können. Oder wenigstens ein normales nach westlichem Standard.” Mit einem sechs Meter langem Anhänger mit Heizkörpern und anderen Dingen sei er “dort rüber” gefahren. Doch der Bürgerkrieg 2014 in der Ukraine änderte alles. Leise fährt Jens Döbel fort. Es geht um seine Schwiegereltern. “Alte Leute”, betont er: “Ich wollte die hier herholen.” Den Entschluss, dass Oksanas Eltern in Deutschland besser aufgehoben seien, kam, nachdem die ukrainische Armee bei dem Rentnerehepaar das ganze Haus auf den Kopf gestellt hatte.

Trotz solcher Geschichten ist die Ukraine aber nicht als Kriegsgebiet anerkannt worden. Wenn sie nach Deutschland flüchten würden, dann ginge das nur über Polen. Und da “zählt auf einmal das Dubliner Abkommen. Also selbst wenn ich es schaffen würde, dass sie nach Deutschland kommen, müssten sie wieder nach Polen zurück.” Döbel schüttelt den Kopf, trinkt einen hastigen Schluck aus seinem Kaffeebecher. Man merkt, seine Familie liegt ihm am Herzen. Die Großeltern seiner Tochter, die Eltern seiner Frau. Auf eigene Kosten wollte er seine Schwiegereltern im eigenen Haus in Bermsgrün unterbringen. Das hatte er in den Gesprächen mit den Behörden so angegeben. Doch es ging kein Weg rein, die Familie in Bermsgrün zusammenzuführen.

Wut und Ohnmacht

Dubiose Auskünfte erhielt er bei der Suche nach einem Weg, seine Schwiegereltern “legal” in Sicherheit zu bekommen, “die müssten halt erst einmal ins braune Fass fallen, damit sie eine Chance haben, hier Asyl zu beantragen”, erzählt Döbel. Auf Nachfrage, was damit gemeint sei, sagt er: “Die Hautfarbe ändern. Das sie braun werden und aussehen wie Syrer oder Libyer.” Das versetzte den Familienvater Döbel damals schon in Rage. Und auch heute noch regt ihn die Ungerechtigkeit auf, dass auf der einen Seite Menschen aus Kriegsgebieten hier herkommen können, aber die Familie seiner Frau nicht.

Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wut und Ohnmacht bewegten ihn dazu, mit einem Galgen durch Dresden zu laufen und mit Worten anzuprangern, was er fühlte. Hinzu kam außerdem, dass er als Unternehmer – mit seinem Werkzeugladen – die Sanktionen Deutschlands und Europas gegen Russland zu spüren bekam und bekommt. Mit Russland und der Ukraine habe der Erzgebirgler schon länger Handel betrieben. 30 bis 40 Prozent der Aufträge sind nach Angaben von Döbel wegen der Sanktionen weggebrochen. “Man ist ja mittlerweile blöde, wenn man mehr macht, als man muss. Es bleibt durch die Abgaben immer weniger, obwohl man mehr macht”, so der Unternehmer.

Der Galgen veränderte viel

Das Zeichen, mit dem Galgen auf die Montagsdemonstration zu gehen, hat in Döbels Leben mehrere Auswirkungen gehabt. Tagelang klingelte damals das Telefon – das waren die Medien und die Leute. Seine Frau Oksana ließ die Fensterläden unten – wegen der Medien und der Leute. Denn “man wird halt angegriffen”. Beim Finanzamt habe er ganz oben auf der Liste gestanden. “Ich hatte drei Mal die Umsatzsteuersonderprüfung im Haus und Pay-Pal kündigte mir die Geschäftsbeziehung, weil ich als Sicherheitsrisiko dargestellt wurde“, erzählt Döbel.

Er wurde und werde in die “rechte Ecke” gestellt. Dabei möchte Döbel nur aufrütteln. Er engagiere sich ehrenamtlich in der “Freigeist-Bewegung”. So wolle er seinen “Protest ausdrücken”. Der Verein organisierte Anti-Asyl-Demos und holte den rechtsextremen Liedermacher Frank Rennicke nach Schwarzenberg. “Freigeist” – das sind rund 40 Mitglieder aus der Region. Männer und Frauen, darunter auch Stefan Hartung von der NPD. Man sei “schon eine Art Widerstandsgemeinschaft”. Die Frage nach der Abgrenzung zur rechten Szene beantwortet Döbel in einem Satz: “Das ist prinzipiell nicht möglich.”

Trotzdem betont der 41-Jährige immer wieder, er hätte nichts mit der NPD und anderen Parteien am Hut. “Ich grenze mich von keiner Partei ab, es gibt überall gute und schlechte Leute. Selbst Mitglied bin ich aber in keiner und das ist auch gut so”, erklärt Döbel. Friedlich will er seine Meinung äußern. Und dann spricht er vom Erhalten der Traditionen und Nationalstolz, Sprache, Dialekt und vom Schwibbogen. Und davon, dass er am Sonntag wählen geht.

Als wir zum Abschied noch draußen stehen, kommt Döbels Frau Oksana, mit dem Miniatur-Galgen in der Hand aus der Tür. “Das Ding bleibt mir nicht im Haus”, sagt sie und geht Richtung Werkstatt.

Interview: Manja Kraus/Gunter Neumann
Text: Manja Kraus/Johanna Kelch
Bild 1: Manja Kraus
Bild 2: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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