“Ich fühle mich am ehesten bei der AfD aufgehoben.”

Die Landwirtschaft steht aktuell mit dem Rücken zur Wand. Dirk und Dietmar Harzendorf wissen nicht, ob sie ihren Hof in einem Jahr noch betreiben können. Von der Politik der letzten Jahre fühlen sich die Landwirte im Stich gelassen, ihr Vertrauen in Politiker ist aufgebraucht. Hofbesitzer Dirk Harzendorf erhofft sich nun einen Wandel durch die AfD.

Ein alter Mann mit Hemd und grüner Latzhose schaut skeptisch, als ich den Bauernhof im mittelsächsischen Lunzenau betrete. “Wer sind Sie?” “Ich bin Journalistin und habe einen Termin mit Dirk Harzendorf.” “Der ist grade nicht da.”

Seine Frau kommt raus. “Der Dirk ist grade zur Werkstatt gefahren, kommt aber gleich wieder.” Die Beiden bitten mich herein, in eine rustikale Küche mit Fließen an der Wand und einem Stapel Zeitungen auf der Fensterbank. Sie sind die Eltern des Landwirts Dirk Harzendorf. Vater Dietmar Harzendorf arbeitete selbst jahrzehntelang als Landwirt. 2016 hat er den Hof an seine beiden Söhne übergeben – trotzdem packt er weiter mit an.

Dietmar Harzendorf scheint zunächst kein Interesse an einem Gespräch zu haben. Wir sitzen uns am Küchentisch gegenüber und warten auf seinen Sohn, während seine Frau abspült. Die Zeit vergeht. Ich versuche, ein Gespräch anzufangen. “Wie groß ist ihr Hof denn?” “200 Hektar, damit ist er ein eher kleinerer Betrieb.” Er fragt, um was es eigentlich gehen soll in dem Interview mit seinem Sohn. Um die Probleme der Landwirtschaft und seine Haltung zur Bundestagswahl, erkläre ich.

Die Landwirtschaft steht mit dem Rücken zur Wand

Dazu hat Dietmar Harzendorf nun doch viel zu sagen. Geboren wurde er 1943. Seine Ausbildung zum Landwirt absolvierte er zu DDR Zeiten. Damals habe er auch auf diesem Hof mitgearbeitet, der schon seit über 500 Jahren in Familienhand sei. “Ich war Feuer und Flamme für die Landwirtschaft.” Damals habe man noch keine Chemie und kaum Maschinen eingesetzt. Vieles sei leichter gewesen. In der DDR sei es den Landwirten verhältnismäßig gut gegangen. Man habe noch mehr Wert auf Nahrungsmittel gelegt und mehr exportiert statt importiert. Heute sei das ganz anders. “Durch den globalen Handel, wird dort hingegriffen, wo es am billigsten ist.”

“Ich habe mich auf die Wende sehr gefreut und war immer ein Optimist und habe gesagt, wir kommen vorwärts.” Seit ein paar Jahren sei das aber immer schwieriger geworden. “Wir Landwirte stehen zurzeit mit dem Rücken zur Wand. Wenn es so weiter geht, wissen wir nicht, ob wir den Hof in einem Jahr noch betreiben können.”

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Landwirtschaft leidet unter EU-Regelungen

Von den Politikern stehe keiner wirklich hinter der Landwirtschaft, das meint auch sein Sohn Dirk Harzendorf. Der junge Landwirt entschuldigt sich für seine Verspätung. Vater und Sohn berichten nun offen aus ihrer gesammelten Lebenserfahrung in der Landwirtschaft. Viele ihrer Probleme seien durch falsche Politik entstanden. Und ihnen gehe es als ein Hof mittlerer Größe noch verhältnismäßig gut. Kleinere Landwirtschaftsbetriebe würden unter den EU-Regelungen und Abgaben viel stärker leiden. Da werde zum Beispiel zunächst eine bodenschonende Landwirtschaft gefördert, dann die Gelder aber wieder zurückgezogen. Sachsen habe jahrelang eine pfluglose Bodenbearbeitung gefördert, um die Natur langfristig zu schonen und Bodenerosionen zu vermeiden. 2014 habe die EU allerdings weniger Fördergelder dafür zur Verfügung gestellt, so dass der Freistaat die Zahlungen eingestellt habe. Jährlich hätten sie nun 14.000 Euro weniger zur Verfügung, erklärt Dietmar Harzendorf.

365 Tage im Jahr für weniger als acht Euro pro Stunde

Sein Sohn führt ein weiteres Beispiel an. Vor ungefähr fünf Jahren sei es ihnen wirtschaftlich gesehen sehr gut gegangen. Damals seien die Getreidepreise und die Brötchenpreise angestiegen. 100 Kilo Brotweizen haben damals im Schnitt 20 Euro gekostet. Heute kosten sie nur noch rund 14 Euro, während die Brötchenpreise weiterhin kontinuierlich stiegen. Das die Getreidepreise so variieren, liege unter anderem am globalen Getreidehandel. In Folge dessen werde auch an der Börse mit Getreide spekuliert. Beispiele wie diese können die beiden Landwirte viele aufzählen. In der Summe würden die hohen Abgaben und geringen Einnahmen dazu führen, dass sie im Schnitt weniger als acht Euro pro Stunde verdienen würden. Und das bei einer Arbeitszeit von 365 Tagen im Jahr mit täglich 10 bis 12 Stunden.  Auf Hartz-4 umzusteigen, sei keine Alternative für den jungen Landwirt. “Ich will das schaffen und was verändern. Es kann doch nicht sein, dass die Landwirtschaft schon seit Jahrhunderten besteht und nun einfach stirbt!”

Für Dirk Harzendorf ist es an der Zeit, über die Probleme in der deutschen Landwirtschaft öffentlich zu sprechen. “Wir diskutieren ständig am Kaffee-Tisch darüber, aber wir müssen das auch mal in die Welt hinaustragen.”

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Mehr Kontrolleure als Produzenten im Staat

Von Politikern erhofft sich Dirk Harzendorf nicht mehr viel. “Man kommt an die, die das beschließen, gar nicht mehr ran.” Er habe bereits mit Ministern über die Probleme der Landwirtschaft gesprochen. Der sächsische Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt habe ihm gesagt, er könne an manchen Dingen auch nichts ändern, die regele die EU. Bei solchen Aussagen glaube er nicht mehr an die Kompetenz der Politiker, sagt Dirk Harzendorf.

Er habe oft den Eindruck, dass es mittlerweile mehr Kontrolleure in diesem Staat gäbe, als Leute, die produktiv sind. “Ich wünsche mir, dass Politiker den Leuten im produzierenden Gewerbe mehr zuhören. Die müssen ihr Ohr an der kleinen Bevölkerung haben. Aber die wollen mit denen unten nichts mehr zu tun haben.” In dieser Welt hätten auch Honecker und seine Genossen gelebt, sagt Dirk Harzendorf und zieht damit eine Parallele zum Regime der DDR. Dadurch hätten sie die Proteste der Bevölkerung überhaupt nicht wahrgenommen. “Es gibt ein paar wenige ehrliche Politiker. Gregor Gysi gefällt mir, aber der ist in der falschen Partei. Er hat das Ohr mehr an der Bevölkerung und Weitblick.”

Hoffnung auf einen Wandel durch die AfD

Die richtige Partei gebe es für ihn nicht. “Ich würde sagen, ich fühle mich am ehesten bei der AfD aufgehoben.” Die etablierten Parteien hätten ihn enttäuscht, sagt Dirk Harzendorf. Da hätte sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert. An der AfD gefalle ihm, dass sie die Steuern anders verteilen wollen. Außerdem sei er auch für ein Einwanderungsgesetz, sagt Dirk Harzendorf. “Ich bin nicht ausländerfeindlich, sondern die Leute müssen sich ein Stück anpassen. Wenn ich jemanden hab, der sich integriert und hier leben will, warum soll ich den dann abschieben? Man muss das individuell klären.” Dass sich die AfD nicht klar von der NPD abgrenze, störe ihn sehr. Aber die Partei sei aus ganz verschiedenen Gruppen zusammengesetzt.

Von der AfD erhofft sich der Landwirt nach der Bundestagswahl einen Wandel. Und wie sieht dieser konkret aus? In Dirk Harzendorfs Idealvorstellung gäbe es nach der Bundestagwahl eine Steuererleichterung für den Mittelstand, große Konzerne würden “mehr zur Kasse gebeten werden” und in Sachsen würde das Straßennetz verbessert. Für seinen Berufsstand wünscht er sich “bessere Preise und eine Perspektive in der Landwirtschaft.”

 

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